Heiner Schmitz

52 Jahre Geboren am 26. November 1951
Erstes Porträt am 19. November 03
Gestorben am 14. Dezember 2003
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Heiner Schmitz sah den Fleck auf der Kernspin-Aufnahme seines Gehirns. Er begriff sofort, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Schmitz ist ein wortgewaltiger Schnelldenker, nicht ohne Tiefgang. Er arbeitet in der Werbebranche. Da sind alle gut drauf. Normalerweise. Heiners Freunde wollen nicht, dass er traurig ist. Sie wollen ihn ablenken. Im Hospiz gucken sie Fußball mit ihm, so wie immer. Bier, Zigaretten, Zimmerparty. Die Mädels aus den Agenturen bringen Blumen. Viele kommen zu zweit, weil sie nicht mit ihm alleine sein wollen. Was redet man mit einem Todgeweihten? Manche wünschen gute Besserung zum Abschied. ’Komm bald wieder auf die Beine, Alter!‘
„Keiner fragt mich, wie's mir geht“, sagt Heiner Schmitz. „Weil alle Schiss haben. Dieses krampfhafte Reden über alles Mögliche, das tut weh. Hey, kapiert ihr nicht? Ich werde sterben! Das ist mein einziges Thema in jeder Minute, in der ich alleine bin.“
 

Maria Hai-Anh Tuyet Cao

52 Jahre
Geboren am 26. August 1951
Erstes Porträt am 5. Dezember 2003
Gestorben am 15. Februar 2004
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Vermutlich wäre Maria Hai-Anh Tuyet Cao anders gestorben, wenn sie sich nicht mit der Lehre der Höchsten Meisterin Ching Hai vertraut gemacht hätte. Die Meisterin spricht: „Was sich jenseits dieser Welt befindet, ist besser als unsere Welt. Es ist besser als alles, was wir uns vorstellen oder nicht vorstellen können.“ Frau Cao trägt das Bild der Meisterin um den Hals. Unter ihrer Führung hat sie auf dem Weg der Meditation die jenseitige Welt schon bereist. Lange kann es nicht mehr dauern, bis sie dorthin abberufen wird: Ihre Lungenbläschen zerfallen. Aber sie wirkt heiter und gelassen. „Der Tod ist nichts“, sagt Frau Cao. „Ich lache über den Tod. Er ist nicht ewig. Danach, wenn wir zu Gott gehen, sind wir wunderschön. Nur wenn wir in der letzten Sekunde noch an einem Menschen hängen, müssen wir wieder auf die Erde zurück.“ Jeden Tag bereitet sich Hai-Anh Cao auf diesen Moment vor. Sie will sich im Augenblick ihres Todes von allem lösen.
 

Wolfgang Kotzahn

57 Jahre
Geboren am 19. Januar 1947
Erstes Porträt am 15. Januar 2004
Gestorben am 4. Februar 2004
Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Bunte Tulpen stehen auf dem Nachttisch. Ein Tablett mit Sektgläsern hat die Schwester hergerichtet, dazu Kuchen. Wolfgang Kotzahn hat Geburtstag. „Heute werde ich 57. Ich hatte weder die Vorstellung, alt zu werden, noch so jung zu sterben, wie es jetzt kommt. Aber der Tod kennt kein Alter.“
Die Diagnose hatte den zurückgezogen lebenden Steuerfachgehilfen ein halbes Jahr zuvor ereilt: Bronchial-Carzinom, inoperabel. „Der Schock war groß. Ich hab ja nie vom Tod geträumt, sondern immer nur vom Leben“, sagt Herr Kotzahn. „Ich wundere mich selber, dass ich mich relativ leicht damit abgefunden habe. Jetzt liege ich hier und warte auf den Tod. Aber jeden Tag, den ich habe, den erlebe ich auch. Noch nie in meinem Leben hab ich auf Wolken geachtet. Jetzt sehe ich alles ganz anders: jede Wolke am Fenster, jede Blume in der Vase. Auf einmal ist alles wichtig.“
 

Klara Behrens

83 Jahre
Geboren am 2. Dezember 1920
Erstes Porträt am 6. Februar 2004
Gestorben am 3. März 2004
Sinus-Hospiz, Hamburg

Klara Behrens spürt, dass es nun bald zu Ende gehen könnte. „Manchmal hoffe ich ja, dass es noch mal besser wird“, sagt sie. „Aber wenn mir dann wieder so übel ist, will ich auch gar nicht mehr leben. Dabei hatte ich mir gerade noch eine neue Gefrierkombination gekauft! Hätte ich das vorher gewusst...“ Es ist der letzte Februartag, die Sonne scheint, im Hof sind die ersten Glockenblumen aufgeblüht. „Am liebsten würde ich rausgehen an die Elbe. Mich auf die Steine setzen und die Füße ins Wasser halten. Als Kinder haben wir das gemacht, wenn wir am Fluss Holz zum Heizen gesammelt haben. In meinem zweiten Leben würde ich alles anders machen. Ich würde kein Holz mehr schleppen müssen. Aber ob es ein zweites Leben gibt? Ich glaube nicht. Man glaubt ja nur, was man sieht. Und man sieht nur das, was da ist. Vor dem Tod hab ich keine Angst. Das millionste, milliardste Sandkorn in der Wüste werde ich sein. Nur vor dem Sterben fürchte ich mich. Man weiß ja nicht, was da passiert.“
 

Walter Wegner

81 Jahre
Geboren am 18. Dezember 1923
Erstes Porträt am 1. Dezember 2003
Gestorben am 13. März 2005
Hamburger Hospiz im Helenenstift

Im November 2003 zieht Walter Wegner ins Hospiz. Er will seiner Freundin zu Hause nicht länger zur Last fallen. Er hat seine Heimorgel mitgebracht, „aber Weihnachtslieder üben lohnt sich nicht mehr: An Heiligabend bin ich tot.“ Doch es kommt anders. An Silvester ist er immer noch da. „Ich bin doch zum Sterben hergekommen“, sagt er missmutig. „Warum sterbe ich dann nicht?“
Wegner erlebt auch den Frühling noch und den Herbst darauf. Seine Freundin besucht ihn immer seltener. Am Heiligabend 2004 spielt er für die anderen „Stille Nacht“. An einem Montag im März 2005 sagt eine Schwester zu ihm: „Sie sind jetzt über ein Jahr bei uns. Sie haben sich so gut erholt, hier ist für Sie nicht mehr der richtige Platz. Wir müssen Sie bitten, bald auszuziehen.“ Wegner ist aufgeblüht im Hospiz, er hat Angst vor dem Pflegeheim. Er fragt seine Freundin: „Nimmst Du mich zurück?“ Doch die lehnt ab.
Fünf Tage nach dem Gespräch mit der Schwester ist Walter Wegner gestorben.

Edelgard Clavey

67 Jahre
Geboren am 29. Juni 1936
Erstes Porträt am 05. Dezember 2003
Gestorben am 4. Januar 2004
Hamburger Hospiz im Helenenstift

Edelgard Clavey war Chefsekretärin in der Psychiatrischen Uniklinik. Seit ihrer Scheidung Anfang der 80er Jahre lebt sie alleine. Kinder hat sie nicht. Von Jugend an engagierte sie sich in der evangelischen Kirche. Seit einigen Wochen kann sie ihr Bett nicht mehr verlassen.
„Der Tod ist eine Lebensreifeprüfung. Die muss jeder Mensch für sich alleine bestehen“, sagt Frau Clavey. „Ich wünsche mir so sehr, zu sterben. Ich möchte in das große, unglaubliche Licht eingehen. Aber Sterben ist ein ganz schweres Geschäft. Der Tod hat die Herrschaft, ich kann es nicht beeinflussen. Nur warten, warten, warten. Ich habe mein Leben bekommen, ich musste es leben und gebe es wieder hin.
Ich habe immer hart gearbeitet, beinahe in einem diakonischen Sinne: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Jetzt bin ich kein Leistungsfaktor mehr. Das tut mir unerträglich weh: Ich will nicht als Kostenfaktor auf dem Berliner Kadaverberg liegen. Ich möchte gehen, am liebsten sofort. Allzeit bereit, wie bei den Pfadfindern.“
 

Michael Lauermann

56 Jahre
Geboren am 19. August 1946
Erstes Porträt am 11. Januar 2003
Gestorben am 14. Januar 2003
Ricam-Hospiz, Berlin

Michael Lauermann ist Manager. Ein Workaholic. Plötzlich war er umgekippt. Im Krankenhaus hieß es: Hirntumor, unheilbar. Das war vor sechs Wochen.
Lauermann will nicht über den Tod reden, lieber über sein Leben. Wie er es ‘68 schaffte, aus der schwäbischen Enge nach Paris zu kommen. Studium an der Sorbonne. Baudelaire, Straßenschlachten, Revolution, Frauen. „Ich habe wahnsinnig gern gelebt“, sagt Lauermann. „Jetzt ist es vorbei. Ich habe keine Angst vor dem, was kommt.“ Oft genug hat er alle Brücken hinter sich abgebrochen. So ist es auch jetzt. Er spürt kein Bedauern. Das Stadium, in dem er sich jetzt befindet, kommt ihm eigentlich schön vor. Locker und frei, eine Art Schwerelosigkeit. Sein Körper verschwinde. Er hat keine Schmerzen. „Ich werde schnell sterben“, sagt Lauermann.
Drei Tage später brennt vor seiner Zimmertür eine Kerze. Sie zeigt seinen Tod an.